Isabel Seiffert

Bitte stell Dich kurz vor.

Zusammen mit Christoph Miler arbeite ich unter dem Namen Offshore Studio. Wir sind ein Gestaltungsbüro in Zürich, das sich in den Bereichen von Editorial Design, Typografie, Storytelling und Visual Identities bewegt. Neben Aufträgen und Kollaborationen, sind wir Mitgründer, Co-Editoren und die Art Directors der Publikationsreihe 'Migrant Journal‘. Wir geben regelmässig Workshops und halten Vorträge.

Wie hast Du Schriftgestaltung (Typographie) für Dich entdeckt?

Meine Arbeit ist sehr typografisch. Da war es logisch sich irgendwann näher mit Schriftgestaltung auseinanderzusetzen.

Welche war Deine erste Lieblingsschrift?

Ich weiß gar nicht mehr genau. Vielleicht die Austin von Commercial Type. Obwohl ich die Incised 901 (Abklatsch von der Antique Olive) auch ziemlich toll fand.

Wie sah Deine erste eigene Schrift aus? Schick gerne Bilder, falls Du welche hast!

Vor der Migrant Grotesk habe ich eigentlich nie eine Schrift fertig gemacht. Für einen Kunden habe ich mal die Super Grotesk A umgezeichnet, damit sie eine höhere x-Höhe und etwas mehr Charakter bekommt. Das war eigentlich meine erste Schrift, wenn man so will.

Wie gestaltest Du heute Schriften? Woran orientierst Du Dich, was ist Dir wichtig?

Ich gestalte eigentlich selten Schriften und wenn dann ist das bei mir ein sehr langer Prozess. Ich habe eine riesige Sammlungen an gefundenem Material und Bildern, die ich auf Reisen oder in der Bibliothek von Schriften mache. Ich schaue meistens dort nach, um den Charakter einer Schrift zu entwickeln.

Sollte man Schriftgestalter und Graphikdesigner gleichzeitig sein oder sich auf eins konzentrieren? Hast Du einen guten Ratschlag für angehende Schriftgestalter?

Ich bin auf jeden Fall ein Graphikdesignerin, der sich hin und wieder mit Schriftgestaltung auseinandersetzt. Ich würde mich niemals als Schriftgestalterin sehen, denn dafür braucht es noch viel mehr Handwerk und Wissen.

Zu welchem Song würdest Du gerne mal eine Schrift gestalten? Warum und wie sähe die aus?

Prince: Purple Rain.

In welche Dimensionen könnte Schriftgestaltung expandieren? Wie könnte die Schriftgestaltung der Zukunft aussehen?

Ich sehe viel Potenzial in Richtung Creative Programming, Motion und Spatial Design. Da ist noch viel möglich und offen.

Wie würdest Du die Vernetzung unter Gestaltern aktuell beschreiben und wie könnte sie sich entwickeln bzw verbessern?

Instagram und andere Kanäle vernetzen Gestalter_innen weltweit. Dadurch hat man Zugriff auf neue, spannende Schriften, die nicht von großen Type Foundries angeboten werden. Gleichzeitig reproduziert sich alles andauernd selbst, was zu einem gähnenden Einheitsbrei führt. Es ist toll, dass sich Gruppen von Gestalter_innen gegenseitig unterstützen und zusammenarbeiten. Allerdings beobachte ich manchmal, dass Personen vor allem gehyped werden, weil sie Teil eine Gestalter-Clique sind und nicht unbedingt wegen ihrer Arbeit. Das hat sich alles ein bisschen zu sehr zum Showbiz entwickelt.

www.offshorestudio.ch

Holger Jacobs

Foto: Markus Burke

Bitte stell Dich kurz vor. Schick gerne ein Photo von Dir mit.

Kommunikationsdesigner aus London. Professor für Typografie an der HSD

Wie sieht deine Lehre aus? Was willst Du deinen Studenten im Kern vermitteln?

Das Schrift sexy ist (siehe unten). Bzw, weniger mit dem Kopf und mehr aus dem Gefühl heraus zu gestalten. 

Wie hast Du Schriftgestaltung (Typographie) für Dich entdeckt?

Punk fanzines am Fotokopierer zusammenstückeln.

Welche war Deine erste Lieblingsschrift?

Futura. Ich mag Schriften die eine Ideologie vertreten aber in der Anwendung eher schlecht funktionieren.

Was macht eine Schrift für Dich sexy?

Ihre Anwendung.

 

Sollte man Schriftgestalter und Graphikdesigner gleichzeitig sein oder sich auf eins konzentrieren? Hast Du einen guten Ratschlag für angehende Schriftgestalter?

Meistens kann man nur eines richtig gut machen. Es gibt allerdings auch Ausnahmen.

Zu welchem Song würdest Du gerne mal eine Schrift gestalten? Warum und wie sähe die aus?

Jimi Hendrix: Star Spangled Banner. Sie wäre recht kurvig, spröde aber seeeehr sexy. 

In welche Dimensionen könnte Schriftgestaltung expandieren? Wie könnte die Schriftgestaltung der Zukunft aussehen?

Es wäre auch sehr spannend auszuprobieren wie wir nur mit einer einzigen Schrift klarkommen würden. Letztendlich kompensiert man mit der Vielzahl der vorhandenen Schriften ja nur den verloren gegangenen sprachlichen Ausdruck.

Wie würdest Du die Vernetzung unter Gestaltern aktuell beschreiben und wie könnte sie sich entwickeln bzw verbessern?

Gut. Sehr Gut. Viel zu gut. Einer Verbesserung wäre alle sozialen Medien abzuschaffen und sich stattdessen öfter 'real' im Pub zu treffen.

Gabriel Richter

Bitte stell Dich kurz vor. Schick gerne ein Photo von Dir mit.

Groteskschriften <3

Wie sieht Deine Lehre aus? Was willst Du Deinen Studenten im Kern vermitteln?

Optische Grundlagen und die technische Umsetzung finde ich sehr wichtig. Wer weiß, wie man Schriften aufbaut, sie korrekt anlegt und ausarbeitet, kann sich komplett entfalten. Direkt eine verrückt kreative Schrift zu gestalten, ist sicherlich auf dem ersten Blick reizvoll, kann aber auch demotivieren, wenn man nicht weiß, wie man an sie umsetzt.

Wie hast Du Schriftgestaltung (Typographie) für Dich entdeckt? Welche war Deine erste Lieblingsschrift?

Futura war meine erste Schrift, die ich mochte. Bei Recherchen über die Schrift, wurde häufig erwähnt, dass sie schlecht lesbar sei. Folglich beschäftigte ich mich, was überhaupt eine leserliche Schrift ausmacht. Eine sehr komplexe Frage, die aber recht einfach zu beantworten ist: Es kommt auf den Einsatz der Schrift an. Punkt.

Was macht eine Schrift für Dich sexy?

Scharfe und saubere Kurven.

Wie sah Deine erste eigene Schrift aus? Schick gerne Bilder, falls Du welche hast!

Für meine Bewerbungsmappe an der FH D, habe ich eine Reihe von Wörtern mit Lebensmitteln gelegt, und eine der Resultate vektorisiert. Allerdings beherrschte ich zu dem Zeitpunkt kein Schriftgestaltungsprogramm und setzt die Schrift lediglich in Illustrator. Bei einem Schriftgestaltungsworkshop von 26+ Zeichen (Jakob Runge und Max Kostopoulos) lernte ich die ersten Schritte in FontLab, woraufhin ich mich direkt in die Schriftgestaltung verliebte. Dort versuchte ich geometrische Elemente von byzantinischen Kirchen aufzugreifen.

Wie gestaltest Du heute Schriften? Woran orientierst Du Dich, was ist Dir wichtig?

Ich gestalte hauptsächlich digital. Meistens habe ich eine Idee, die ich umsetzen möchte und greife auf händische Skizzen zurück, wenn ich schnell Formen ausprobieren möchte. Wichtig ist mir, dass die Schrift in ihrer Idee stimmig ist. Wenn eine Schrift rumgurkt, soll sie es konsequent tun.

Sollte man Schriftgestalter und Graphikdesigner gleichzeitig sein oder sich auf eins konzentrieren? Hast Du einen guten Ratschlag für angehende Schriftgestalter?

Unbedingt soll das gleichzeitig geschehen. Schriftgestalterisches Grundwissen ist auch für Reinzeichnungen von Logos oder grafischen Elementen, wie Piktogramme, extrem hilfreich. Für eine komplette Schrift braucht es sehr viel Ausdauer und Zeit, was vielen Grafikern fehlt. Nichtsdestotrotz können sie ja mal eine Headline-Schrift für einen Kunden gestalten, wo nicht ein kompletter Zeichensatz gefragt ist. Wer hauptsächlich Schriften gestalten will, wird sich zwangsläufig darauf konzentrieren. Aber eine Zusammenarbeit funktioniert erfahrungsgemäß extrem gut.

Zu welchem Song würdest Du gerne mal eine Schrift gestalten? Warum und wie sähe die aus?

»Alison’s Halo – Dozen«, eine fragile Bold.

In welche Dimensionen könnte Schriftgestaltung expandieren? Wie könnte die Schriftgestaltung der Zukunft aussehen?

Du zeichnest eine Handvoll Buchstaben und das Programm schlägt Dir Varianten für alle weiteren Glyphen vor.

Wie würdest Du die Vernetzung unter Gestaltern aktuell beschreiben und wie könnte sie sich entwickeln bzw verbessern?

Gestalter sollten weniger Angst haben Schriftgestalter für individuelle Projekte zu kontaktieren.

Ariane Spanier

Foto: Ingeborg Øien Thorsland

Bitte stell Dich kurz vor. Schick gerne ein Photo von Dir mit.

Ich bin Grafikdesignerin, habe in Berlin Weissensee Visuelle Kommunikation studiert und habe seit 2005 mein Büro in Berlin. Ich bin keine Schriftdesignerin, designe aber ab und zu auch mal Schrift. Ansonsten mache ich alles andere, angefangen von Büchern, über Plakate, Erscheinungsbilder, Illustrationen zu Animationen.

Wie hast Du Schriftgestaltung (Typographie) für Dich entdeckt?

Ich hatte damit nicht viel am Hut während meines Studiums. Schriftgestaltung hiess für mich endlose Federschreibübungen auf die ich keine Lust hatte. Der Rest war mir zu „nerdy“ und ich wusste dass ich mich nicht mit Details irgendwelcher Kurvenkrümmungen befassen wollte bis ans Ende meines Lebens. Das war mir alles zu unsexy damals.
Nach dem Studium machte ich ein Praktikum beim Stefan Sagmeister und hatte da einen Fashionmailer zu gestalten mit einem seiner Tagebucheinträge aus dem später erschienenen Buch „10 Things i’ve learned in my life so far“ (Material Luxuries are best enjoyed in small doses).
http://arianespanier.com/anni-kuan-fashion-mailer/
Dieses physische Bauen von Schrift hatte ich bis dahin kaum gemacht, das galt auch nicht als cool an der Hochschule damals. Für diesen Mailer habe ich dann teure Mäntel vollgekleckert mit Gips, Asia-Nudeln, Buchstaben geknüllt aus den Kleidern der Kollektion oder die Sachen in Buchstabenform auf dem gegenüberliegenden Hausdach platziert. Das war ein Augenöffner für mich: „Schrift kann Spass machen!“.

Welche war Deine erste Lieblingsschrift?

ITC Conduit.

Was macht eine Schrift für Dich sexy?

Jede Schrift mit Charakter und komischen Eigenheiten, oder sehr elegante Schriften. Ich finde es gibt mehr sexy Schriften heutzutage. Schriftdesign ist allgemein sexier (ausdrucksstärker) geworden.

Wie sah Deine erste eigene Schrift aus? Schick gerne Bilder, falls Du welche hast!

haha, sie hiess Spanari“ ich weiss nicht mehr was ich mir dabei gedacht habe:

Wie gestaltest Du heute Schriften? Woran orientierst Du Dich, was ist Dir wichtig?

Ich mache ja vor allem sehr bildliche Schrift, Handletterings bzw. analog aufgebautes Zeugs. da gehts es immer um ein illustratives Element, Materialien, Gesamtkompositionen, vielleicht auch Bewegung.
Bei den wenigen Fonts die ich gemacht habe bisher gibt es immer einen Zusammenhang zu einem Projekt, wie zb. eine Headline Schrift für eine Ausgabe des Fukt magazines für Zeichnung: http://arianespanier.com/curla-for-fukt/ das war ein Pendant zur coverschrift wo teile der Buchstaben aus realen Ketten bestanden. http://arianespanier.com/fukt-14/
Oder die Handschrift für Christoph Niemanns Buch Sunday Sketching, (die ich natürlich nur digitalisiert hab: http://arianespanier.com/sunday-sketching-by-christoph-niemann/.
Ich sitze gerade an einer Schrift (Klein-)Familie, die eine Weiterentwicklung einer Schrift ist, die ich für ein Corporate Design eines Kunstvereins in Oslo gestaltet habe, „Eyvin“, diese Schrift hat historische Referenzen zur Geschichte des Vereins: http://arianespanier.com/tegnerforbundet/.
Eine eigene Handschrift „Arispa“ habe ich auch mal für ein Ausstellungsprojekt gemacht, siehe Anhang. Es gab viele handgezeichnete Illus, deswegen die Schrift.

Sollte man Schriftgestalter und Graphikdesigner gleichzeitig sein oder sich auf eins konzentrieren? Hast Du einen guten Ratschlag für angehende Schriftgestalter?

Schriftgestaltung beanspruchte bisher so viel Zeit, dass man kaum zu anderem kam. Aber da sich technologisch soviel geändert hat, dass sogar Leute wie ich sich an eine Schrift trauen, kann es sein, dass doch beides möglich ist. Als Schriftgestalter machst du ja Werkzeuge für andere Designer, was toll ist, aber auch unkontrollierbar. Ich finde es persönlich immer wichtig, viel auszuprobieren usw. Aber wenn das Herz brennt für Schriftgestaltung dann sollte man sich da voll reinwerfen. Aber als Designer auch etwas Ahnung von Schriftdesign zu haben schadet nicht. Man merkt ja, wenn es einem als angehender Schriftdesigner fast ausschliesslich Spass macht, die Schrift anzuwenden, sollte man die Richtung nochmal überdenken.

Zu welchem Song würdest Du gerne mal eine Schrift gestalten? Warum und wie sähe die aus?

Zu „(Won’t Somebody) Take Me Out Tonight“ von Molly Nilsson. die hätte sehr unterschiedliche Stärken, ich glaube die wäre mal rund und mal sehr kantig. Vermutlich würde sie sich mit der Tageszeit in der sie gesetzt wird verändern, ziemlich moody.

In welche Dimensionen könnte Schriftgestaltung expandieren? Wie könnte die Schriftgestaltung der Zukunft aussehen?

Ich habe gerade von Underware gelernt, dass es bald nur noch einen „Superfont“ geben wird, an dem man rumdrehen kann, und der dann jede beliebige Schrift sein kann. Vielleicht im Moment noch ein Schrift-philosophischer Ansatz, aber nicht undenkbar.

Wie würdest Du die Vernetzung unter Gestaltern aktuell beschreiben und wie könnte sie sich entwickeln bzw verbessern?

Es gibt vor allem viele kleine Unternetze, lokal begrenzt oder dann wieder weit international. Entweder kennt man sich noch aus dem Studium, oder lernt sich auf Kongressen oder bei Juryarbeit für Wettbewerbe kennen. In Deutschland zb. fehlt eigentlich ein guter Designerclub für alle Designdisziplinen, der Ausstellungen, Veranstaltungen, Kongresse macht, als Onlineplattform funktionieren kann usw. vielleicht ähnlich der amerikanischen AIGA.

arianespanier.com

Hugo Hoppmann

Foto: Lloyd Stevie

Bitte stell Dich kurz vor.

Hi! Ich bin Hugo Hoppmann, 29 Jahre alt, Grafik Designer und Art Director aus Köln. Nach dem Studium an der ECAL habe ich bei Meiré und Meiré gearbeitet und mich danach selbstständig gemacht. Nach zwei wunderbaren Jahren in New York bin ich seit kurzem in Berlin und arbeite von hier aus für Kunden in aller Welt — und versuche bei dem ganzen Trubel noch genug Freiheit zu haben um meine eigenen Projekte voranzutreiben.

Wie hast Du Schriftgestaltung (Typographie) für Dich entdeckt?

Ich habe mit ca. 15 Jahren angefangen mich intensiver mit Architektur, Grafik Design und Schriftgestaltung zu beschäftigen.
Ich war damals sehr viel in der Buchhandlung König in Köln und habe alles verschlungen was mit irgendwie mit Typografie zu tun hatte.
Mein Großvater lebte damals noch in Bern und war mit Adrian Frutiger in einer Kirchengemeinschaft. Er wusste natürlich von meiner Schriftbegeisterung und arrangierte eines Tages ein Treffen mit meinem großen Typo-Helden! Das war ein super Erlebnis, was mir dann noch klarer machte, dass ich zum Grafik-Studieren in die Schweiz will.

Welche war Deine erste Lieblingsschrift?

Die (Rockwell-mäßige) Schrift vom Chicago Bulls Logo!
Die habe ich als Kind stundenlang versucht so gut wie möglich nachzuzeichnen …

Was macht eine Schrift für Dich sexy?

Ganz einfach: wenn sie Freshness ausstrahlt!
Das ist oft schwer rational zu definieren, eher ein Bauchgefühl. Aber das trügt selten!

Wie sah Deine erste eigene Schrift aus? Schick gerne Bilder, falls Du welche hast!

Zwei meiner allerersten Schriften (ich war damals in der 10ten Klasse, glaube ich) namens "Das Herrliche Script" und "KAVIVA" habe ich eben in den Untiefen meines Archiv's gefunden:

 

Wie gestaltest Du heute Schriften? Woran orientierst Du Dich, was ist Dir wichtig?

Ich skizziere schon noch viel von Hand, aber danach geht's direkt weiter in der Glyphs App.
Kitschige Antwort, aber ich finde das allerwichtigste ist es Spaß an der  Sache zu haben!
(Und Mut zur Weirdness und der eigenen Invidualität!)

Sollte man Schriftgestalter und Graphikdesigner gleichzeitig sein oder sich auf eins konzentrieren? Hast Du einen guten Ratschlag für angehende Schriftgestalter?

Generalist vs. Spezialist? Mir persönlich fällt es schwer mich eine Disziplin zu limitieren. Uns stehen heutzutage so viele großartige Tools zu Verfügung, alles ist möglich! Und deshalb will ich auch alles mal ausprobieren! Trotzdem möchte ich später nicht zurückzublicken und vieles nur angekratzt haben, ohne wirklich in die Tiefe gegangen zu sein. Das ist also eine feine Balance. Da muss man schon aufpassen.
Mein Ratschlag, für Grafik, Typo bzw. alles im Leben: Nicht verstecken, menschlich sein, Fehler in Kauf nehmen, machen!
Alle haben so viele gute Ideen, aber es wird zu wenig auch wirklich umgesetzt.
Ich sollten einfach nicht Gefahr laufen später zu bereuen etwas nicht gemacht zu haben. Dann lieber mal auf die Schauze fallen. Viel besser, als es gar nicht versucht zu haben!

Zu welchem Song würdest Du gerne mal eine Schrift gestalten? Warum und wie sähe die aus?

Zum Song "In die Ferne" von "1. Futurologischer Congress", eine großartige Neue Deutsche Welle Band aus den 80ern. Eine Soulful Tropical Sci-Fi Grotesk? 🙂

In welche Dimensionen könnte Schriftgestaltung expandieren? Wie könnte die Schriftgestaltung der Zukunft aussehen?

Die Tools werden natürlich in den nächsten Jahren immer krasser demokratisiert werden. Es werden noch mehr Menschen Zugang zu Computer und Internet haben und damit die Möglichkeit Schriften zu gestalten und zu veröffentlichen. Und das ist großartig!
Das bedeutet aber auch, dass es schwieriger wird sich loszulösen aus der Masse und sein eigenes Ding zu schaffen und seine eigene Stimme zu finden. Self-Awareness und das Herauskristallisieren der eigenen Individualität zu schaffen wird in Zukunft immer wichtiger werden.

Wie würdest Du die Vernetzung unter Gestaltern aktuell beschreiben und wie könnte sie sich entwickeln bzw verbessern?

Ich finde in Berlin ist der Austausch gerade sehr gut, wir sind eine große Familie. Dennoch glaube ich, dass da noch mehr geht!
Wir könnten noch tiefer gehen. Abseits von Formen und Schriften. Neben tiefgründigen Themen interessieren mich aber gerade auch die vermeintlich banalen Dinge, wie typische Alltagsritutale. Wie arbeiten andere eigentlich wirklich? Wie geht die anderen mit der E-Mail und Input Flut um? Was motiviert uns? Warum machen wir das eigentlich alles?
Ich arbeite ich gerade an einem Magazin Projekt namens PRESENT, dass sich genau darum soll. (Mehr Infos: www.present.xxx)
Stay tuned!

www.hugohoppmann.com

Clovis Vallois

Bitte stell Dich kurz vor. Schick gerne ein Photo von Dir mit.

Studium der visuellen Kommunikation, Freiburg im Breisgau. CAS (Certificate of Advanced Studies) in Type Design an der Zürcher Hochschule der Künste, ZHdK. Gemeinsam mit Anton Studer, Gründung des Schriftenverlags Nouvelle Noire, www.nouvellenoire.ch. Designer im Architekturbüro Ateliers Jean Nouvel, in Paris; Design und Entwicklung der Signaletik für den Louvre Abu Dhabi, Vereinte Arabische Emirate. Entwicklung der Apeloig Type Library mit Anton Studer. Heute: Mitarbeit bei Nouvelle Noire www.nouvellenoire.ch und Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Barmettler, Zürcher Hochschule der Künste, ZHdK.

Wie sieht Deine Lehre aus? Was willst Du Deinen Studenten im Kern vermitteln?

Schriftgestaltung ist im Studium in erster Linie eine Form der Lehre des Auges. Studenten lernen das Sehen. Sie assimilieren das Gesehene und reflektieren darüber. Schriftgestaltung ist in einem nächsten Schritt eine Lehre des Konstrukts der Schrift. Dieses Konstrukt muss anhand der formalen Merkmale entschlüsselt und im historischen Kontext verortet werden können. Das sind Grundvoraussetzungen und gleichzeitig wichtige Werkzeuge die eine solide Grundlage zur Gestaltung bilden. Anschliessend lernen die Studierenden die methodische Herangehensweise an die Gestaltung von Schriften. Hier geht es darum, formale Zusammenhänge zwischen der Buchstaben zu erkennen und die daraus resultierende Beobachtungen in eine Arbeitsmethodik umzuwandeln. Zuletzt geht es an die Ausarbeitung der Schrift. Diese Entwicklungsphase wird in der Regel erst nach ein bis zwei Semestern erreicht.

Wie hast Du Schriftgestaltung (Typographie) für Dich entdeckt?

Schriftgestaltung habe ich erst nach meinem Studium der visuellen Kommunikation entdeckt. In meiner Abschlussarbeit „Process“ habe ich den Prozess eines Schriftentwurfs dokumentiert, diese Arbeit war in einem experimentellen Kontext angesiedelt und darf nicht als reiner Schriftentwurf verstanden werden. Nach meinen Studium habe ich ein „Certificate of Advanced Studies“ (CAS) in Schriftgestaltung an der Zürcher Hochschule der Künste absolviert, während dieser Zeit hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit mich intensiv mit der Gestaltung von Lauftextschriften zu befassen.

Welche war Deine erste Lieblingsschrift?

Lieblingsschriften gibt es keine. Schriften beurteile ich nach dem Anwendungsgebiet für die sie entworfen wurden, nach der Epoche und dem historischen Kontext in dem die Schriften entstanden. Selbstverständlich beurteile ich sie auch nach formalen Kriterien. Ich kann mich für experimentelle Ansätze sowie von Meisterhand gezeichnete Schriften begeistern. Buchstaben oder Alphabete die Perfektion in den Proportionen und im Strichverlauf ausstrahlen, finde ich bewundernswert. An dieser Stelle würde ich sicherlich die „Romain du Roi“ von Philippe Grandjean de Fouchy nennen wollen.

Was macht eine Schrift für Dich sexy?

Schwer zu sagen

Wie sah Deine erste eigene Schrift aus? Schick gerne Bilder, falls Du welche hast!

Es gibt mehrere Ansätze die fast gleichzeitig entstanden sind, jeder ist unterschiedlich und in sich als Amateurwerk zu betrachten.

Wie gestaltest Du heute Schriften? Woran orientierst Du Dich, was ist Dir wichtig?

Schriften werden aus dem inneren Antrieb heraus entwickelt, oder aus historischen Vorbildern an denen man sich orientieren kann. Auftragsarbeiten können ebenfalls den Ausgangspunkt zur Arbeit an einer neuen Schrift bilden. Bei allen genannten Arten der Arbeit sind die Anforderungen unterschiedlich und somit auch die Herangehensweise.

Sollte man Schriftgestalter und Graphikdesigner gleichzeitig sein oder sich auf eins konzentrieren? Hast Du einen guten Ratschlag für angehende Schriftgestalter?

Grafik Design oder die visuelle Kommunikation bildet eine Basis, Schriftgestaltung in diesem Bereich ist eine Spezialisierung. Es gelingt nur wenigen Gestaltern in beiden Disziplinen eine tiefreichende Expertise zu erlangen und beide Disziplinen auf einem gleich hohen Niveau zu betreiben. Der Weg den jeder betritt, zeigt unausweichlich in welche Richtung ein Gestalter sich entwickelt. Einfach machen!

Zu welchem Song würdest Du gerne mal eine Schrift gestalten? Warum und wie sähe die aus?

Einstein on the Beach von Philip Glass.

Wie könnte die Schriftgestaltung der Zukunft aussehen?

Schriftgestaltung der Zukunft wird schnelllebiger sein. Die Gestaltungstools verbessern sich und nehmen durch die Automatisierung viele Arbeitsschritte dem Gestalter ab. Schriftgestaltung demokratisiert sich. Vor zwanzig Jahren war Schriftgestaltung ein Nischengebiet und vielen Gestaltern vorenthalten. Durch die Verbesserung von Computern und der Software, kommt fast jeder Student mit digitaler Schriftgestaltung in Berührung. Schriften werden dadurch, dass sie schneller produziert werden, kürzere Lebenszyklen haben und entwickeln sich zunehmend zu einem modischen Gestaltungsaccesssoire. Dies soll keinesfalls eine Wertung sein, sondern ist eine Beobachtung. Wenige neugestaltete Schriften werden langjährige Lebenszyklen haben oder sogar Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang bestehen bleiben, wie wir es bisher gewohnt sind.

Wie würdest Du die Vernetzung unter Gestaltern aktuell beschreiben und wie könnte sie sich entwickeln bzw verbessern?

Gestalter sind heute weltweit vernetzt. Geographische Distanzen verkürzen sich, sie spielen heute keine Rolle mehr. Projektkooperationen und Wissensaustausch sind heute von überall aus möglich. Aus dieser Beobachtung heraus stellt sich die Frage ob eine Verbesserung erforderlich ist? Wäre vielleicht eine Gegenbewegung eine Form der Verbesserung? Eine Gegenbewegung im Sinne von weniger Vernetzung zugunsten einer grösseren eigenen schöpferischen Leistung? Die Vernetzung birgt die Gefahr, dass Trends sich nicht mehr auf lokaler, nationaler oder kontinentaler Ebene entwickeln sondern auf einer globalen Ebene. Jeder Gestalter wird hierdurch beeinflusst und gestalterische Identitäten verblassen. Dies führt zu einer grösseren homogenität der visuellen grafischen Sprache. Die Entwicklung eigener Positionen und selbständiger gestalterischer Ausdrucksformen wird zunehmend schwieriger.

www.nouvellenoire.ch